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# Die Vampire von Zorngrad
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Coralie saß am geöffneten Fenster ihres Gemachs und betrachtete die Lichter Zorngrads unterhalb der Residenz. Der Mond spiegelte sich schwach in ihrem Weinglas. Im Gegensatz zu Katharina hatte sie ihr Debüt vor Jahren mit beinahe müheloser Eleganz überstanden. Zumindest wirkte es so auf andere.
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Als Katharina den Raum betrat, hob Coralie den Blick nur kurz.
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„Du gehst zu schnell durch die Flure“, sagte sie ruhig. „Die Dienerschaft bemerkt so etwas.“
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Katharina schloss die Tür hinter sich.
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„Dann sollen sie es eben bemerken.“
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Coralie zog leicht eine Augenbraue hoch.
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„Das klingt fast rebellisch.“
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Katharina lehnte sich gegen die Tür. Für einen Moment sagte sie nichts. Ihre Hände waren
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angespannt.
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Coralie bemerkte es sofort.
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„Du willst fliehen.“
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Es war keine Frage.
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Katharina sah sie überrascht an.
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„Du hättest zumindest so tun können, als wärst du überrascht.“
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„Du bist seit Wochen nervös.“ Coralie nahm einen Schluck aus ihrem Glas. „Du schläfst kaum
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noch. Du vermeidest Mutter. Und du blickst ständig zu den Stadttoren, als würden sie dich
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persönlich beleidigen.“
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Katharina trat näher ans Fenster.
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„Vielleicht habe ich einfach Angst.“
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„Natürlich hast du Angst.“ Coralie stellte das Glas beiseite. „Das hatte jeder von uns.“
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„Du aber offenbar nicht.“
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Ein schwaches Lächeln erschien auf Coralies Lippen.
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„Doch. Ich war nur vernünftig genug, es niemanden sehen zu lassen.“
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Wieder entstand Stille.
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Unten hörte man Kutschen über das Pflaster rollen. Gäste trafen bereits ein.
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Katharina blickte hinaus in die Nacht.
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„Wie konntest du das einfach akzeptieren? Dieses ganze… Schauspiel.“
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„Weil es kein Schauspiel ist.“
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Katharina sah sie an.
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Coralie stand langsam auf und trat neben sie ans Fenster. Ihr Brockatkleide säuselte sanft über den Boden. Jede Bewegung kontrolliert. Sie wirkte bereits wie ein Teil des Hofes, dem Katharina noch entkommen wollte.
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„Das hier ist unsere Welt“, meinte Coralie. „Andere bekommen Felder oder Hunger. Wir
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bekommen Regeln.“
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„Und goldene Käfige.“
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„Käfige bleiben stabil, solange man versteht, wo die Gitter verlaufen.“
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Katharina schüttelte den Kopf.
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„Du klingst genau wie Mutter.“
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„Nein.“ Coralie verschränkte die Arme. „Mutter glaubt an Ordnung. Ich glaube an Überleben.“
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Die Worte trafen härter, als Katharina erwartet hatte.
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Coralie musterte sie einige Sekunden schweigend.
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Dann sprach sie leiser weiter.
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„Du denkst, draußen wartet Freiheit auf dich. Abenteuer. Ein eigenes Leben.“ Sie sah
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hinaus auf die Stadt. „Aber diese Welt frisst naive Vampire. Besonders solche unseres
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Blutes.“
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Katharina schwieg.
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„Und trotzdem willst du gehen“, sagte Coralie.
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Wieder keine Frage.
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Katharina nickte kaum sichtbar.
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Coralie atmete langsam aus. Für einen kurzen Moment wirkte sie müde. Nicht streng. Nicht
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überlegen. Einfach müde.
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„Dann sei wenigstens klug genug, nicht erwischt zu werden.“
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Katharina blinzelte überrascht.
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„Du… willst mich nicht aufhalten?“
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Coralie sah sie direkt an.
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„Wenn ich dich aufhalten könnte, hätte ich es längt getan.“
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Von unten erklangen erste Musikstücke aus dem Ballsaal.
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Coralie trat an ihr vorbei zur Tür und blieb kurz stehen.
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„Katharina.“
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„Hm?“
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„Wenn sie dich finden, werden sie nicht wütend sein.“ Ihre Stimme war ruhig. „Sie werden
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höflich sein. Das ist deutlich gefährlicher.“
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Dann verließ sie den Raum und ließ Katharina allein mit dem Klang der Musik und der
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offenen Nacht hinter dem Fenster zurück.
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Katharina stand vor dem hohen Obsidianspiegel ihres Gemachs und betrachtete sich schweigend. Das dunkle Kleid ihres Hauses saß perfekt. Rote Stickereien zogen sich über den Stoff, elegant und kühl zugleich. Sie sah aus wie eine Lavalié.
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Sie fühlte sich nur nicht wie eine.
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Die Tür öffnete sich leise hinter ihr.
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„Du wirkst angespannt.“
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Die Stimme ihrer Mutter war ruhig wie immer.
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Katharina wandte den Blick nicht sofort ab.
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„Ganz Zorngrad wartet unten auf mich. Ich glaube, Anspannung wäre nicht angemessen.“
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Ihre Mutter trat näher. Jeder Schritt wirkte kontrolliert, beinahe lautlos. Lady Lavalié musste nie Autorität einfordern. Sie war einfach da.
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„Heute Abend“, sagte sie, „wird man sich an jedes Detail erinnern. Wie du sprichst. Wie du dich bewegst. Selbst daran, wen du zuerst begrüßt.“
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Katharina ließ den Blick sinken.
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„Das klingt anstrengend.“
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„Das ist es auch.“
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Die Antwort kam ohne Härte. Fast sachlich.
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Für einen Moment herrschte Stille. Von unten drang gedämpfte Musik durch die hohen Wände der Residenz.
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„Coralie meint, ich würde zu viel nachdenken“, sagte Katharina schließlich.
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„Das tust du.“
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„Und wenn sie sich irrt?“
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Ihre Mutter trat neben sie und betrachtete ihr Spiegelbild.
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„Dann würdest du jetzt nicht aussehen, als stündest du vor einer Hinrichtung.“
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Katharina musste gegen ein nervöses Lächeln ankämpfen.
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„Vielleicht tue ich das ja.“
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„Nein.“ Ihre Mutter richtete ruhig eine Falte am Ärmel ihres Kleides. „Hinrichtungen sind meist ehrlicher.“
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Katharina sah sie kurz an.
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„Wie kannst du bei all dem so ruhig bleiben?“
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„Weil Panik niemals etwas verbessert.“
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„Und wenn man dieses Leben nicht will?“
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Diesmal dauerte die Antwort länger.
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„Viele wollen Dinge nicht“, sagte ihre Mutter schließlich. „Das ändert selten etwas.“
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Katharina verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
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„Du klingst, als gäbe es keine Wahl.“
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„Es gibt immer eine Wahl.“
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Ihre Mutter sah sie nun direkt an.
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„Aber manche Entscheidungen kosten mehr als andere.“
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Die Worte blieben zwischen ihnen stehen.
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Unten begann ein neuer Tanz. Stimmen und leises Gelächter erfüllten die unteren Hallen.
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„Du hast nie daran gedacht zu gehen?“ fragte Katharina leise.
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Zum ersten Mal wich ihre Mutter ihrem Blick aus. Jedoch nur für einen kurzen Augenblick.
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„Doch“, sagte sie. „Vor langer Zeit.“
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Katharina blinzelte überrascht.
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„Und warum bist du geblieben?“
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Lady Lavalié schwieg kurz, als würde sie die Antwort abwägen.
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„Weil ich verstanden habe, dass Freiheit nicht bedeutet, keinen Käfig zu besitzen.“ Ihr Blick glitt zum Fenster hinaus in die Nacht von Zorngrad. „Sondern zu entscheiden, welchen man ertragen kann.“
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Katharina wusste nicht, was sie darauf sagen sollte.
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Ihre Mutter trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk erneut. Wieder war da diese perfekte Haltung. Diese makellose Kontrolle.
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Und dennoch wirkte sie plötzlich müde.
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„Du bist meine Tochter, Katharina“, sagte sie leiser als zuvor. „Und heute Nacht wird ganz Zorngrad das sehen.“
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Katharina spürte einen Knoten in ihrer Brust.
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Ihre Mutter strich ihr ruhig eine Haarsträhne zurück.
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„Versuch wenigstens, keine Angst zu zeigen.“
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Dann wandte sie sich zur Tür.
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Kurz bevor sie den Raum verließ, hielt sie noch einmal inne.
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„Und falls du tatsächlich töricht genug sein solltest, eines Tages fortzulaufen…“ Ihre Stimme blieb ruhig. „Dann hoffe ich, dass du etwas findest, das diesen Verlust wert ist.“
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Danach ging sie.
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Katharina blieb allein zurück.
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Die Musik aus dem Ballsaal klang plötzlich fern. Fast unwirklich. Langsam glitt ihr Blick zu dem schlichten Ring an ihrer Hand. Dann zum Fenster. Zur offenen Nacht hinter den Mauern der Residenz. Und zum ersten Mal fühlte sich die Möglichkeit der Flucht real an.
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Der große Ballsaal der Residenz von Sangrast erstrahlte in goldenem Kerzenlicht. Kristalllüster warfen flimmernde Reflexionen über schwarzen Marmor und dunkles Glas. Musik erfüllte die Halle, ruhig und kontrolliert, genau wie die Gespräche der versammelten Adligen.
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Alles wirkte perfekt.
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Und genau deshalb fiel die Unruhe sofort auf.
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Die Türen zum oberen Korridor blieben geschlossen.
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Einige Gäste begannen bereits zum großen Aufgang hinüberzublicken. Zunächst nur beiläufig. Dann häufiger.
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Ein Diener trat an den Rand des Saals, sichtbar angespannt, obwohl er verzweifelt versuchte, es zu verbergen.
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Coralie bemerkte ihn sofort.
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Sie stand nahe der Mitte des Ballsaals, in ein dunkles Kleid aus Silber und Schwarz gehüllt, das Gesicht makellos ruhig. Nur ihre Augen folgten dem Diener kurz, bevor dieser sich an ihre Mutter wandte.
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Lady Eléonore Lavalié hörte sich die geflüsterten Worte an, ohne eine sichtbare Regung zu zeigen.
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Der Diener wurde blasser.
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Dann entfernte er sich wieder.
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Die Musik spielte weiter.
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Für wenige Sekunden sagte niemand etwas.
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Mortan von Sangrast stand nahe der langen Fensterfront des Saals. Groß, würdevoll und einschüchternd wie immer. Sein Blick ruhte auf den geschlossenen Türen des oberen Stockwerks.
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„Verspätet sich meine Tochter?“ fragte er ruhig.
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Die Frage war harmlos formuliert.
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Gerade deshalb wagte zunächst niemand zu antworten.
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Eléonore trat langsam neben ihn.
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„Man sucht bereits nach ihr.“
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Nicht mehr. Nicht weniger.
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Keine Spur von Nervosität lag in ihrer Stimme.
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Doch Coralie kannte ihre Mutter gut genug, um die Veränderung dennoch zu bemerken. Die kleinste Spannung in ihrer Haltung. Kaum sichtbar. Fast unmenschlich kontrolliert.
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In den umliegenden Gesprächsgruppen wurde leiser gesprochen.
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Blicke wanderten durch den Saal.
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Einige Gäste lächelten bereits zu höflich.
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Andere wirkten plötzlich sehr interessiert an ihren Weingläsern.
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Ein älterer Vampiradeliger hob leicht sein Glas.
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„Vielleicht benötigt die junge Lady einfach einen letzten Moment vor ihrem Debüt.“
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Einige leise Zustimmungen folgten.
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Niemand glaubte das wirklich.
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Mortans Blick blieb auf die oberen Türen gerichtet.
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„Coralie.“
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Seine Stimme durchschnitt die Musik beinahe mühelos.
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„Wann hast du deine Schwester zuletzt gesehen?“
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Coralie hielt seinem Blick ruhig stand.
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„Vor einiger Zeit.“
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„Und?“
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Eine kurze Pause.
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„Sie wirkte nervös.“
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Das war nicht gelogen.
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Die Musik spielte weiter. Zu elegant. Zu ruhig.
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Plötzlich öffnete sich eine Seitentür am Rand des Saals. Ein weiterer Diener trat ein, deutlich außer Atem. Er näherte sich Eléonore und flüsterte hastig einige Worte.
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Dieses Mal entstand Stille.
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Keine gespielte höfische Ruhe.
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Echte Stille.
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Coralie sah, wie die Finger ihrer Mutter sich minimal versteiften.
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Nur für einen Augenblick.
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Dann ließ Eléonore den Diener wieder gehen.
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„Die Kutsche im Nordhof fehlt“, sagte sie schließlich ruhig.
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Mehr musste sie nicht sagen.
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Die Bedeutung breitete sich augenblicklich durch den Saal aus wie kalter Rauch.
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Katharina war fort.
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Einige Adlige senkten sofort die Stimmen. Andere beobachteten Mortan nun vorsichtig, als könnte jede falsche Reaktion gefährlich werden.
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Doch Mortan bewegte sich nicht.
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Sein Gesicht blieb vollkommen reglos.
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Und genau das machte ihn plötzlich furchteinflößender als offene Wut.
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Coralie spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum veränderte. Nicht chaotisch. Nicht laut.
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Schlimmer.
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Berechnend.
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Mehrere Gäste begannen bereits zu überlegen, was diese Nacht politisch bedeuten könnte.
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Welche Gerüchte entstehen würden.
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Wer davon profitieren könnte.
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Eléonore blickte langsam in den Ballsaal.
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„Die Musik“, sagte sie, „wird selbstverständlich fortgesetzt.“
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Der Dirigent hob zögerlich den Taktstock.
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Wenige Sekunden später erklangen erneut Geigen.
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Und während der Hof von Zorngrad weitertanzte, verschwand irgendwo außerhalb der Residenz eine junge Vampirin in der Dunkelheit der Nacht.
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Draußen hing dichter Nebel über den Straßen Zorngrads.
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Katharina zog den Mantel enger um ihre Schultern, während die Räder der kleinen Kutsche über nasses Kopfsteinpflaster rumpelten. Hinter den beschlagenen Fenstern verschwammen die Lichter der Stadt zu goldenen Flecken. Ihr Herz schlug noch immer zu schnell.
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Sie hatte es tatsächlich getan.
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Kein Diener hatte sie aufgehalten. Keine Wachen hatten Fragen gestellt. Noch nicht.
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Der Ring an ihrer Hand fühlte sich kühl an.
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Der alte Vampir saß ihr gegenüber, ruhig wie immer. Die Kapuze seines dunklen Mantels verbarg den größten Teil seines Gesichts, doch seine hellen Augen ruhten aufmerksam auf ihr.
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„Du atmest noch immer wie ein gejagtes Tier“, bemerkte er trocken.
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Katharina versuchte sich zu sammeln.
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„Vielleicht, weil ich eines bin.“
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Ein schwaches Schmunzeln huschte über sein Gesicht.
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„Nein. Gejagte Tiere zögern weniger.“
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Die Kutsche bog scharf in eine schmale Seitengasse ein. Weiter entfernt erklang dumpf die Musik des Balles, vom Wind getragen und inzwischen fast unwirklich.
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Katharina blickte zurück.
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Irgendwo dort lag die Residenz ihrer Familie. Warm beleuchtet. Voller Gäste. Voller Erwartungen.
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Und voller Leute, die inzwischen wussten, dass sie verschwunden war.
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Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in ihrer Brust aus.
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„Sie werden nach mir suchen.“
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„Natürlich werden sie das.“
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„Meine Mutter wird wissen, dass ich Hilfe hatte.“
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„Vermutlich.“
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Katharina sah ihn an.
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„Und trotzdem hilfst du mir.“
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Der alte Vampir lehnte sich leicht zurück.
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„Katharina…“ Seine Stimme blieb ruhig. „Deine Familie lebt seit Jahrhunderten in goldenen Räumen voller höflicher Monster. Irgendjemand hätte dir irgendwann zeigen müssen, dass die Welt größer ist als Ballsäle und Blutlinien.“
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„Und wenn sie mich finden?“
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Diesmal antwortete er nicht sofort.
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Die Kutsche wurde langsamer. Vor ihnen erhob sich eines der alten Stadttore Zorngrads aus schwarzem Stein. Wachen standen unter flackernden Laternen, ihre Speere glänzten feucht im Nebel.
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Katharina spürte, wie Panik in ihr aufstieg.
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„Der Ring“, sagte der alte Vampir.
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Sie presste unbewusst die Finger darum.
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„Solange du ihn trägst, werden viele Augen an dir vorbeisehen. Nicht alle. Aber genug.“
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Die Kutsche hielt.
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Draußen erklangen Stimmen.
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Katharina wagte kaum zu atmen.
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Einer der Wächter trat näher ans Fenster. Für einen kurzen Moment glaubte sie, seine Augen würden direkt die ihren treffen.
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Dann runzelte er nur kurz die Stirn.
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Und sah weiter.
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„Weiterfahren“, murmelte er gelangweilt.
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Die Räder setzten sich erneut in Bewegung.
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Erst als das Stadttor langsam hinter ihnen verschwand, bemerkte Katharina, dass sie die Luft angehalten hatte.
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Vor ihr lag nur noch Dunkelheit. Wälder. Nebel. Unbekannte Straßen.
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Freiheit.
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Oder etwas, das ihr zumindest ähnlich sah.
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Der alte Vampir beobachtete sie schweigend.
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„Nun“, sagte er schließlich, während die Lichter Zorngrads hinter ihnen kleiner wurden. „Willkommen außerhalb deines Käfigs.“
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Katharina blickte hinaus in die endlose Nacht.
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Und zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie nicht, wohin der nächste Weg sie führen würde.
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Die Musik hatte wieder begonnen.
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Geigen erfüllten den Ballsaal mit derselben eleganten Ruhe wie zuvor, doch inzwischen wirkte alles anders. Gespräche wurden leiser geführt. Blicke blieben etwas zu lange an bestimmten Personen hängen. Gerüchte bewegten sich bereits schneller durch den Saal als Diener oder Wein.
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Coralie stand nahe einer der hohen Säulen und beobachtete die Gäste.
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Niemand sprach den Namen ihrer Schwester offen aus.
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Noch nicht.
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Aber jeder dachte daran.
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Lady Eléonore Lavalié hingegen bewegte sich weiterhin durch den Saal, als wäre nichts geschehen. Sie begrüßte Gäste, wechselte einige Worte mit alten Adelshäusern und hielt die Ordnung des Abends beinahe mühelos zusammen.
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Gerade deshalb wirkte sie gefährlich ruhig.
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Coralie wusste, dass ihre Mutter innerlich längst jeden Ausgang der Nacht durchdachte.
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Mortan hatte den Saal inzwischen verlassen.
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Das allein genügte, um mehrere Gäste nervös werden zu lassen.
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Coralie bemerkte ihre Mutter erst wieder, als Eléonore plötzlich neben ihr stehen blieb.
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„Du wusstest es.“
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Keine Begrüßung. Keine Frage.
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Coralie nahm langsam einen Schluck Wein.
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„Ich hatte einen Verdacht.“
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„Und du hast nichts gesagt."
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„Hättest du auf mich gehört?“
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Eléonore antwortete nicht sofort.
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In der Nähe begann eine Gruppe jüngerer Adliger plötzlich auffällig leise zu sprechen. Coralie bemerkte, wie einer von ihnen kurz zu ihnen herübersah und sofort wieder wegblickte.
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Die Nachricht verbreitete sich bereits.
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Natürlich tat sie das.
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„Deine Schwester versteht nicht, was sie getan hat“, sagte Eléonore schließlich ruhig.
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„Doch.“ Coralie stellte ihr Glas ab. „Gerade deshalb ist sie gegangen.“
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Ein kaum sichtbarer Schatten glitt über das Gesicht ihrer Mutter.
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„Naivität ist keine Stärke.“
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„Nein“, erwiderte Coralie ruhig. „Aber Verzweiflung ist manchmal stärker als Vernunft.“
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Für einen Moment schwiegen beide.
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Die Musik spielte weiter. Fast spöttisch elegant.
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Eléonores Blick glitt durch den Ballsaal.
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„Bis zum Morgengrauen wird ganz Zorngrad davon wissen.“
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„Wahrscheinlich schon früher.“
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„Und andere Häuser werden Fragen stellen.“
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Coralie verschränkte langsam die Arme.
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„Das tun sie ohnehin ständig.“
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Ihre Mutter sah sie kurz an.
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„Du wirkst erstaunlich ruhig.“
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Coralie lächelte schwach.
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„Jemand in dieser Familie muss damit anfangen.“
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Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte Eléonore müde.
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Nur kurz.
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Dann verschwand es wieder hinter derselben makellosen Haltung, die sie immer zeigte.
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„Sie wird nicht weit kommen“, sagte sie leise.
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Coralie dachte an das letzte Gespräch mit ihrer Schwester. An ihren Blick kurz vor der Flucht.
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Dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf.
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„Vielleicht nicht.“
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Eléonore musterte sie aufmerksam.
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„Du hoffst, dass sie entkommt.“
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Wieder keine Frage.
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Coralie antwortete nicht sofort.
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„Ich hoffe“, sagte sie, „dass sie wenigstens etwas findet, das diesen Wahnsinn wert ist.“
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In der Nähe begann erneut höfliches Gelächter.
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Ein Diener reichte ihnen frische Gläser, als wäre dies ein völlig gewöhnlicher Abend.
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Eléonore nahm ihres entgegen, ohne hinzusehen.
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„Wenn Mortan glaubt, jemand habe ihr geholfen, wird er handeln.“
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„Natürlich wird er das.“
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„Und falls andere Häuser darin Schwäche sehen…“
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Coralie hob leicht ihr Glas.
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„Dann werden sie lächeln, höflich gratulieren und sofort beginnen, daraus Profit zu schlagen.“
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Ein schwaches, bitteres Schmunzeln erschien für einen Augenblick auf den Lippen ihrer Mutter.
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„Du lernst.“
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Coralie sah in die Menge aus tanzenden Adligen.
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„Nein“, sagte sie leise. „Ich habe nur gelernt, weniger zu erwarten.“
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Am anderen Ende des Saals begannen die Musiker den nächsten Tanz.
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Und während Zorngrads Adel weiterlächelte, weitertrank und weiterplante, wurde irgendwo außerhalb der Stadt eine Tochter des Hauses Lavalié bereits zur Gefahr für die Ordnung, aus der sie geflohen war.
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Der Abend war inzwischen weit fortgeschritten.
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Die Kerzen des Ballsaals brannten noch immer ruhig, obwohl einige bereits merklich kürzer geworden waren. Warmes Licht spiegelte sich auf schwarzem Steinboden und in den tiefroten Gläsern der Gäste. Die Luft war erfüllt vom Duft schwerer Parfüms, altem Wein und jenem kaum wahrnehmbaren metallischen Unterton, den nur Vampire wirklich bemerkten.
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Blut.
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Nicht offen. Nicht vulgär. Gerade genug, um den Hunger wach zu halten.
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Coralie stand inzwischen am Rand des erhöhten Podests nahe der Musiker. Unter ihr bewegte sich der Adel Zorngrads weiterhin durch den Saal wie ein einziges großes Schauspiel aus Seide, höflichen Lügen und kalkulierter Eleganz.
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Niemand erwähnte Katharina direkt.
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Doch ihre Abwesenheit hing inzwischen über dem Ball wie ein Schatten.
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Eine ältere Vampirin aus Haus Veymont trat an Coralie heran und schenkte ihr ein dünnes Lächeln.
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„Lady Coralie“, sagte sie mit weicher Stimme. „Ein bedauerlich unglücklicher Abend für eure Familie.“
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Coralie erwiderte das Lächeln ohne Mühe.
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„Und dennoch ein bemerkenswert gut besuchter Abend.“
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Für einen kurzen Moment blitzte Belustigung in den roten Augen der Vampirin auf.
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„Ganz Zorngrad sorgt sich um Haus Lavalié.“
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„Natürlich tut es das.“
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Die Dame neigte leicht den Kopf.
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„Falls eure Schwester gefunden wird, hoffe ich, dass sie wohlauf ist.“
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Die Worte klangen freundlich.
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Zu freundlich.
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Coralie hielt ihrem Blick ruhig stand.
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„Wie aufmerksam von Euch.“
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Die Vampirin lächelte erneut, dann glitt sie zurück in die Menge.
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Coralie sah ihr kurz nach.
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„Haus Veymont riecht Blut schneller als Wölfe“, erklang die Stimme ihrer Mutter hinter ihr.
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Coralie wandte sich um.
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„Dann wird dieser Abend ihnen gefallen.“
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Eléonore trat neben sie an das Geländer des Podests. Unter ihnen drehte sich der Tanz weiter. Langsame Bewegungen. Kontrollierte Nähe. Goldene Augen und rote Augen zwischen Kerzenlicht und Schatten.
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„Bereits drei Häuser haben angeboten, bei der Suche zu helfen“, sagte Eléonore.
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Coralie schnaubte leise.
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„Wie großzügig.“
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„Und mindestens zwei davon hoffen vermutlich, Katharina zuerst zu finden.“
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Das überraschte Coralie nicht.
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Eine junge Dienerin näherte sich vorsichtig mit einem Silbertablett. Darauf standen schmale Kristallgläser mit dunkelroter Flüssigkeit.
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Eléonore nahm eines entgegen. Coralie ebenfalls.
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Die Dienerin verbeugte sich hastig und verschwand beinahe sofort wieder zwischen den Gästen.
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Für einen Moment schwiegen Mutter und Tochter.
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Coralie betrachtete die Flüssigkeit in ihrem Glas.
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„Glaubst du, sie hat Angst?“
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Eléonore antwortete nicht sofort.
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„Ja“, sagte sie schließlich. „Wahrscheinlich mehr, als sie je zeigen würde.“
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Coralie nahm einen kleinen Schluck. Warm. Eisenhaltig. Frisch.
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„Dann ist sie wenigstens vernünftig genug dafür.“
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Ein schwaches Schmunzeln erschien auf den Lippen ihrer Mutter.
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„Du klingst beinahe besorgt.“
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„Ich bin besorgt.“ Coralie blickte weiter auf die tanzenden Gäste hinab. „Katharina wollte immer Geschichten über Freiheit hören. Abenteuer. Reisen. Als hätte die Welt außerhalb Zorngrads darauf gewartet, sie freundlich zu empfangen.“
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„Die Welt wartet auf niemanden freundlich.“
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„Ich weiß.“
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Wieder entstand Stille.
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Unten drehte sich ein junges Vampirpaar langsam im Takt der Musik. Perfekte Haltung. Perfekte Bewegungen. Genau so, wie man es von ihnen erwartete.
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Eléonores Blick ruhte auf ihnen.
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„Katharina hätte diesen Tanz gehasst.“
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Coralie musste leise lachen. Ehrlich diesmal.
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„Ja. Vermutlich.“
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Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte der Ausdruck ihrer Mutter weicher.
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Nicht schwach.
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Nur… menschlicher. Für einen kurzen Augenblick.
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Dann verschwand es wieder.
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„Mortan wird noch vor Sonnenaufgang Jäger aussenden“, sagte Eléonore schließlich.
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Coralies Finger schlossen sich etwas fester um ihr Glas.
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„Und du?“
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Ihre Mutter sah hinaus auf den Ballsaal.
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Auf ihre Gäste. Ihre Verbündeten. Ihre Rivalen.
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Auf das große höfische Spiel, das trotz allem weiterlief.
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„Ich werde dafür sorgen“, sagte sie ruhig, „dass sie lebend gefunden wird, bevor jemand aus diesem Saal beschließt, daraus Politik zu machen.“
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Coralie nickte langsam.
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Das war vermutlich das Nächste an Liebe, das ihre Mutter jemals offen aussprechen würde.
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Unter ihnen begann bereits der nächste Tanz.
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Und weit entfernt, irgendwo jenseits der Nebel Zorngrads, floh eine Tochter des Hauses Lavalié weiter in die Nacht, während hinter ihr eine ganze vampirische Gesellschaft begann, ihre Abwesenheit in Macht, Gefahr und Möglichkeiten aufzuwiegen.
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